Die Kunst, einen Sonntag einmal nicht sinnvoll zu nutzen

Die Kunst, einen Sonntag einmal nicht sinnvoll zu nutzen

Es ist kurz nach neun, als ich zum ersten Mal auf die Uhr sehe. Durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen fällt helles Frühlingslicht ins Schlafzimmer, und aus der Wohnung über mir sind Schritte zu hören. Irgendwo läuft Wasser durch die Leitungen. Ein Auto fährt langsam durch die Straße, dann wird es wieder still. Ich müsste nicht aufstehen. Trotzdem beginne ich im Kopf bereits damit, den Tag zu ordnen. Ich könnte frühstücken, anschließend die Wohnung reinigen, einige Dinge erledigen, einen Spaziergang machen und vielleicht endlich jenes Buch weiterlesen, das seit Wochen auf dem Tisch liegt. Selbst für einen Sonntag, an dem niemand etwas von mir erwartet, entsteht innerhalb weniger Minuten eine kleine Aufgabenliste. Sie klingt vernünftig, angenehm und keineswegs besonders anstrengend. Dennoch spüre ich, wie der freie Tag bereits eine Richtung bekommt, bevor ich überhaupt das Bett verlassen habe.

Auch Erholung soll heute etwas leisten

Wir sprechen häufig davon, dass wir uns erholen müssen. Gemeint ist damit jedoch selten ein vollständig zweckfreier Zustand. Erholung soll uns neue Energie geben, unsere Konzentration verbessern und uns auf die nächste Arbeitswoche vorbereiten. Ein Spaziergang ist gut für die Gesundheit, Lesen bildet, Kochen spart Geld und ein aufgeräumtes Zuhause beruhigt den Geist. Selbst ein Mittagsschlaf lässt sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über Leistungsfähigkeit rechtfertigen. Es scheint kaum noch eine Tätigkeit zu geben, die einfach nur angenehm sein darf. Alles erhält einen Nutzen. Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, einen Sonntag nicht sinnvoll zu verbringen. Sobald wir nichts Produktives tun, fehlt die Begründung. Dabei müsste freie Zeit eigentlich keinen anderen Zweck erfüllen, als frei zu sein.

Die heimliche Aufgabenliste beginnt beim Frühstück

Während der Kaffee durch die Maschine läuft, fällt mein Blick auf das Geschirr vom Vorabend. Es ist nicht viel, nur ein Teller, ein Glas und eine Pfanne. Trotzdem wirkt es plötzlich wie der Anfang einer vernünftigen Sonntagsbeschäftigung. Wenn ich schon in der Küche stehe, könnte ich gleich abwaschen. Danach ließe sich die Arbeitsfläche reinigen. Anschließend wäre es sinnvoll, den Kühlschrank durchzusehen und eine Einkaufsliste für die kommende Woche zu schreiben. Aus einer einzigen Pfanne entsteht innerhalb weniger Minuten ein halber Haushaltsplan. Natürlich wäre nichts daran falsch. Eine kleine Wohnung ist schnell aufgeräumt, und vermutlich würde ich mich danach tatsächlich wohler fühlen. Die Frage ist nur, warum ich jede wahrgenommene Aufgabe sofort erledigen möchte. Vielleicht liegt es daran, dass sichtbare Arbeit leichter auszuhalten ist als offene Zeit. Wenn ich beschäftigt bin, muss ich nicht entscheiden, was ich mit mir selbst anfangen möchte.

Sonntage waren früher klarer geregelt

In meiner Kindheit hatten Sonntage eine feste Form. Geschäfte waren geschlossen, das Mittagessen fand zu einer bestimmten Uhrzeit statt und viele Erwachsene schienen sich darin einig zu sein, dass dieser Tag anders behandelt werden musste als die übrige Woche. Das war nicht immer angenehm. Sonntage konnten lang, still und beinahe bedrückend wirken. Gleichzeitig waren ihre Grenzen eindeutig. Es gab weniger Möglichkeiten und deshalb weniger Entscheidungen. Heute kann ich an einem Sonntag einkaufen, arbeiten, Nachrichten beantworten, Serien ansehen, Sport treiben oder mich durch unzählige digitale Angebote bewegen. Der Tag ist nicht mehr leer, sondern voller möglicher Nutzung. Vielleicht erzeugt gerade diese Freiheit den neuen Druck. Wenn alles möglich ist, wirkt jede gewählte Tätigkeit wie eine Entscheidung gegen hundert andere Möglichkeiten.

Ein freier Tag wird schnell zum Verbesserungsprojekt

Manchmal nehme ich mir für einen Sonntag vor, „etwas für mich“ zu tun. Dieser Satz klingt zunächst freundlich. Doch sobald ich ihn genauer betrachte, steckt darin oft ein ganzes Programm der Selbstverbesserung. Ich sollte gesund kochen, mich bewegen, ausreichend Wasser trinken, meine Gedanken ordnen und etwas tun, das meiner persönlichen Entwicklung dient. Vielleicht könnte ich meditieren, einen längeren Spaziergang machen oder endlich meine Kleidung aussortieren. Aus Fürsorge wird unbemerkt eine weitere Form der Leistung. Am Abend soll ich mich nicht nur erholt fühlen, sondern auch ein wenig gesünder, ausgeglichener und besser organisiert sein als am Morgen. Ein Tag, an dem ich lediglich herumgesessen, gegessen und aus dem Fenster gesehen habe, erscheint daneben wie eine vertane Gelegenheit.

Nichtstun fühlt sich zunächst erstaunlich unruhig an

Ich nehme meine Kaffeetasse und setze mich ans Fenster. Mein Plan besteht darin, für eine Weile wirklich nichts zu tun. Bereits nach wenigen Minuten beginnt mein Kopf, Alternativen anzubieten. Ich könnte das Telefon holen. Ich könnte Musik einschalten. Ich könnte nachsehen, ob mein Partner schon wach ist. Ich könnte wenigstens den Tisch abwischen, während ich hier sitze. Das Nichtstun ist keineswegs sofort erholsam. Zunächst wirkt es wie eine Lücke, die dringend geschlossen werden muss. Ich werde unruhig und suche beinahe automatisch nach einem Reiz. Vielleicht ist das der Grund, warum echte Ruhe so selten entsteht. Wir brechen sie ab, bevor die erste Unbequemlichkeit vorübergeht.

Das Telefon macht aus Ruhe einen Vergleich

Sobald ich mein Telefon in die Hand nehme, ist der Sonntag nicht mehr nur meiner. Ich sehe Menschen beim Wandern, beim Frühstück in einem Café oder bei einem Ausflug mit der Familie. Andere zeigen frisch gebackenes Brot, aufgeräumte Wohnzimmer oder sportliche Leistungen, die sie bereits vor zehn Uhr erbracht haben. Wahrscheinlich gibt es ebenso viele Menschen, die noch im Bett liegen oder lustlos durch ihre Wohnung gehen. Sie veröffentlichen davon nur seltener Bilder. Trotzdem entsteht der Eindruck, überall werde der Sonntag besser genutzt als bei mir. Selbst Freizeit wird vergleichbar, sobald wir sie öffentlich zeigen. Der eine erlebt mehr, die andere kocht schöner, und jemand Drittes scheint mühelos gleichzeitig erholt und produktiv zu sein. Mein eigener stiller Vormittag wirkt daneben schnell farblos, obwohl er sich wenige Minuten zuvor noch vollkommen in Ordnung angefühlt hat.

Ein Tag muss keine Geschichte ergeben

Wir gewöhnen uns daran, Erlebnisse als kleine Geschichten zu betrachten. Ein Ausflug hat einen Anfang, einen Höhepunkt und einige Bilder, die sich später zeigen lassen. Ein Restaurantbesuch liefert ein Essen, über das man sprechen kann. Selbst ein schwieriger Tag wird erzählbar, wenn genug passiert ist. Ein Sonntag ohne Ereignisse hinterlässt dagegen kaum Material. Auf die Frage „Was hast du gemacht?“ bleibt nur die Antwort: „Eigentlich nichts.“ Dieser Satz klingt schnell nach Entschuldigung. Dabei kann ein Tag wertvoll sein, ohne eine erzählbare Handlung zu besitzen. Vielleicht habe ich lange geduscht, Brot mit Butter gegessen und mich danach wieder hingelegt. Vielleicht habe ich eine Stunde lang dieselbe Musik gehört. Nichts davon muss später interessant klingen. Das eigene Leben ist nicht nur dann gelungen, wenn es sich gut zusammenfassen lässt.

Mein Partner kann freie Tage anders verbringen

Mein Partner beginnt einen freien Tag häufig aktiver als ich. Er erledigt Dinge, fährt irgendwohin oder nutzt die Zeit für Vorhaben, die während der Woche liegen geblieben sind. Manchmal bewundere ich das. Manchmal fühle ich mich daneben träge. Wenn er am Nachmittag erzählt, was er bereits geschafft hat, fällt mir plötzlich auf, dass ich noch immer denselben Pullover trage und nicht einmal die Wohnung verlassen habe. Er macht mir deshalb keinen Vorwurf. Der Vergleich entsteht in meinem Kopf. Vielleicht denke ich, zwei Menschen müssten Freizeit ähnlich nutzen, damit sie wirklich zueinander passen. Doch eine Beziehung braucht nicht an jedem Sonntag denselben Rhythmus. Er darf beschäftigt sein, während ich langsam bin. Wir müssen uns nicht gegenseitig beweisen, dass unsere Art der Erholung die bessere ist.

Gemeinsame freie Zeit kann ebenfalls anstrengend werden

Wenn wir einen Sonntag miteinander verbringen, entsteht schnell die Frage, was wir unternehmen sollen. Ein gemeinsamer freier Tag wirkt zu wertvoll, um ihn einfach verstreichen zu lassen. Wir könnten frühstücken gehen, einen Ausflug machen oder wenigstens einen längeren Spaziergang unternehmen. Bleiben wir in meiner kleinen Wohnung, entsteht nach einiger Zeit der Verdacht, wir würden den Tag verschwenden. Dabei gehören gerade ungeplante Stunden zu den intimsten Momenten einer Beziehung. Zwei Menschen sitzen im selben Raum und müssen sich nicht ständig beschäftigen. Jeder liest, schaut aus dem Fenster oder hängt eigenen Gedanken nach. Nähe zeigt sich dann nicht in einer besonderen Aktivität, sondern darin, dass die Anwesenheit des anderen keinen dauernden Unterhaltungsauftrag erzeugt.

Langeweile ist nicht automatisch ein Problem

Als Kind war Langeweile etwas, das Erwachsene nicht sofort lösen mussten. Man beklagte sich, erhielt vielleicht einen Vorschlag und blieb danach häufig sich selbst überlassen. Heute steht jederzeit eine fast unbegrenzte Auswahl an Unterhaltung bereit. Schon wenige Sekunden ohne Beschäftigung wirken deshalb ungewöhnlich. Langeweile fühlt sich wie ein technischer Fehler an, den man durch einen Bildschirm beheben kann. Doch vielleicht benötigt unser Denken genau diese langsamen, unstrukturierten Phasen. Wenn ich nicht sofort nach Ablenkung greife, beginnen Gedanken aufzutauchen, die sonst keinen Platz finden. Sie sind nicht immer tiefgründig. Manchmal denke ich nur darüber nach, weshalb ich eine bestimmte Tasse lieber mag als die anderen. Doch auch solche scheinbar belanglosen Gedanken stellen eine Verbindung zum eigenen Leben her.

Aus dem Fenster sehen ist eine vollständige Tätigkeit

Von meinem Fenster aus sehe ich keine spektakuläre Landschaft. Gegenüber stehen Häuser, unten verläuft eine Straße, und zwischen zwei Dächern ist ein Stück Himmel zu erkennen. Trotzdem kann ich lange dort sitzen. Ich beobachte eine Frau mit einem kleinen Hund, einen Mann, der sein Auto belädt, und ein Kind, das auf einem Roller über den Gehweg fährt. Niemand von ihnen weiß, dass er für einige Sekunden Teil meines Sonntags wird. Aus dem Fenster zu sehen gilt kaum als Tätigkeit. Es gibt kein Ergebnis und keine messbare Verbesserung. Vielleicht gefällt es mir gerade deshalb. Ich muss nichts einordnen und nichts festhalten. Die Welt bewegt sich, ohne dass ich an ihr teilnehmen muss.

Kleine Wohnungen verlangen nicht ständig nach Ordnung

In einer kleinen Stadtwohnung ist Unordnung schnell sichtbar. Ein Pullover auf dem Stuhl, zwei Bücher auf dem Tisch und eine Tasche im Flur reichen aus, damit der gesamte Raum unaufgeräumt wirkt. Das erzeugt den Eindruck, man könne mit wenigen Handgriffen sofort eine Verbesserung herstellen. Häufig tue ich das auch. Doch an diesem Sonntag beschließe ich, den Pullover liegen zu lassen. Die Wohnung wird dadurch nicht unbewohnbar. Niemand kommt unerwartet zu Besuch, und selbst wenn jemand käme, müsste ich mich nicht für ein sichtbares Kleidungsstück entschuldigen. Vielleicht gehört es zum Nichtstun, kleine Unvollkommenheiten auszuhalten. Nicht alles, was verbessert werden könnte, muss sofort verbessert werden.

Der Sonntag muss die Woche nicht reparieren

Wir erwarten von freien Tagen häufig, dass sie ausgleichen, was während der Woche zu kurz gekommen ist. Wir sollen Schlaf nachholen, soziale Kontakte pflegen, den Haushalt erledigen und uns gleichzeitig erholen. Außerdem wollen wir gesund essen, Zeit mit nahestehenden Menschen verbringen und uns auf die kommenden Tage vorbereiten. Ein einzelner Sonntag soll damit beinahe eine ganze Woche reparieren. Kein Wunder, dass er sich manchmal bereits am Morgen überladen anfühlt. Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass wir freie Zeit schlecht nutzen. Vielleicht erwarten wir zu viel von ihr. Wenn die Woche dauerhaft so anstrengend ist, dass ein Tag alle Schäden beseitigen muss, reicht die perfekte Sonntagsgestaltung ohnehin nicht aus.

Ruhe kann Schuldgefühle auslösen

Während ich am Nachmittag auf dem Sofa liege, denke ich kurz an Menschen, die an diesem Tag arbeiten müssen. Andere kümmern sich um Kinder, pflegen Angehörige oder erledigen Dinge, die sich nicht verschieben lassen. Mein eigener freier Tag erscheint daneben wie ein Privileg. Das ist er vermutlich auch. Doch aus einem Privileg muss nicht automatisch eine Verpflichtung zur optimalen Nutzung entstehen. Ich ehre freie Zeit nicht dadurch, dass ich sie mit Aufgaben fülle. Vielleicht darf Dankbarkeit auch bedeuten, eine Gelegenheit zur Ruhe tatsächlich anzunehmen. Schuldgefühle machen meinen Sonntag weder gerechter noch helfen sie Menschen, die keine Pause haben. Sie sorgen nur dafür, dass selbst Ruhe sich wie eine moralisch fragwürdige Handlung anfühlt.

Genuss braucht keine besondere Vorbereitung

Am frühen Nachmittag esse ich Brot, Käse und einige Tomaten. Es ist keine Mahlzeit, die ich fotografieren oder Gästen vorsetzen würde. Trotzdem schmeckt sie gut. Vielleicht sogar besser, weil ich vorher weder ein Rezept ausgesucht noch Zutaten besorgt habe. Wir verbinden Genuss häufig mit Aufwand. Ein besonderer Tag verlangt nach besonderem Essen, sorgfältiger Planung und einer gewissen Inszenierung. Dabei können einfache Dinge genau dann angenehm werden, wenn sie nicht Teil eines größeren Vorhabens sind. Ich muss aus dem Sonntag kein Erlebnis machen, um etwas zu genießen. Manchmal reicht eine Mahlzeit, die satt macht, und ein Platz am offenen Fenster.

Müßiggang ist nicht dasselbe wie Erschöpfung

Es gibt Tage, an denen ich nichts tue, weil mir die Kraft fehlt. Dann fühlt sich das Liegenbleiben schwer an. Ich möchte eigentlich aufstehen, kann mich aber kaum dazu bringen. Ein freiwillig unproduktiver Sonntag ist etwas anderes. Ich könnte Dinge erledigen, entscheide mich aber dagegen. Dieser Unterschied ist wichtig. Müßiggang entsteht nicht nur aus Müdigkeit, sondern aus der Erlaubnis, eine vorhandene Energie nicht sofort einzusetzen. Vielleicht gehe ich später doch noch hinaus. Vielleicht auch nicht. Entscheidend ist, dass ich nicht auf dem Sofa liege, weil mein Körper mich dazu zwingt, sondern weil ich mich für Langsamkeit entscheide.

Nicht jede Stimmung muss verbessert werden

Am Nachmittag werde ich ein wenig melancholisch. Das Licht verändert sich, aus einigen Wohnungen dringen Stimmen, und plötzlich denke ich an vergangene Sonntage. Früher hätte ich vermutlich versucht, diese Stimmung schnell zu vertreiben. Ich hätte jemanden angerufen, Musik eingeschaltet oder einen Spaziergang unternommen. An diesem Tag lasse ich sie für eine Weile bestehen. Melancholie ist nicht automatisch ein Problem, das gelöst werden muss. Sie kann Teil eines ruhigen Tages sein, so wie Wolken Teil eines Frühlingshimmels sind. Gefühle müssen nicht immer bearbeitet, erklärt oder in eine bessere Richtung gelenkt werden. Manchmal verschwinden sie von selbst, wenn man ihnen nicht sofort eine Aufgabe gibt.

Der Spaziergang darf ohne Ziel bleiben

Gegen fünf Uhr ziehe ich schließlich Schuhe an und gehe hinaus. Nicht weil ein Spaziergang gesund ist und auch nicht, weil ich eine bestimmte Anzahl von Schritten erreichen möchte. Ich habe lediglich das Bedürfnis, die Wohnung für eine Weile zu verlassen. In einer kleinen Stadt brauche ich kein Ziel. Ich gehe durch bekannte Straßen, sehe geschlossene Geschäfte und treffe einige Menschen, deren Gesichter mir vertraut sind, obwohl ich ihre Namen nicht kenne. An einer Kreuzung entscheide ich spontan, in welche Richtung ich weitergehe. Ein Spaziergang ohne Ziel hat etwas Beruhigendes. Niemand wartet auf meine Ankunft, und ich muss keine bestimmte Strecke schaffen. Selbst das Umkehren ist kein Scheitern.

Freie Zeit darf ihre Form verändern

Der Tag, den ich eigentlich vollständig untätig verbringen wollte, enthält am Ende doch Bewegung, ein wenig Lesen und sogar abgewaschenes Geschirr. Der Unterschied liegt nicht darin, dass wirklich nichts geschehen ist. Ich habe die Tätigkeiten nur nicht vorher zu einem Programm zusammengesetzt. Ein unproduktiver Sonntag muss nicht bedeuten, regungslos liegen zu bleiben. Er bedeutet eher, dass der Tag seine Form selbst finden darf. Ich kann etwas beginnen und wieder aufhören. Ich darf meine Meinung ändern, ohne damit einen Plan zu zerstören. Vielleicht ist genau diese Beweglichkeit das, was im Alltag häufig fehlt.

Der Abend braucht keine Bilanz

Am Sonntagabend entsteht gewöhnlich der Wunsch, den Tag zu bewerten. Habe ich mich ausreichend erholt? Ist die Wohnung vorbereitet? Weiß ich, was in der kommenden Woche ansteht? Dieses Mal versuche ich, keine Bilanz zu ziehen. Der Tag muss nicht erfolgreich gewesen sein. Er war ruhig, stellenweise langweilig und zwischendurch überraschend angenehm. Einige Dinge sind liegen geblieben. Die Welt hat sich trotzdem weitergedreht. Vielleicht werde ich morgen kurz bedauern, dass ich nicht mehr erledigt habe. Doch dieses mögliche Bedauern macht die Ruhe von heute nicht falsch.

Ein Sonntag darf einfach vergangen sein

Als es dunkel wird, schalte ich eine kleine Lampe ein. Mein Partner schreibt mir und fragt, wie mein Tag war. Ich tippe zunächst: „Ich habe eigentlich nichts gemacht.“ Dann lösche ich den Satz wieder, weil er wie eine Entschuldigung klingt. Stattdessen schreibe ich: „Ich hatte einen ruhigen Sonntag.“ Das beschreibt denselben Tag, bewertet ihn aber anders. Er war nicht leer und nicht verschwendet. Er hat keine große Geschichte hervorgebracht und mich vermutlich auch nicht dauerhaft verändert. Doch vielleicht muss nicht jeder freie Tag etwas hinterlassen. Manche Sonntage dürfen einfach vergangen sein. Gerade darin liegt ihre besondere Form von Freiheit.

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